Wenn Expertise zum Lernhindernis wird

Wenn Expertise zum Lernhindernis wird 1
15
Juli
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Wenn Expertise zum Lernhindernis wird

Je mehr Fachwissen vorhanden ist, desto schwieriger wird es oft, gute Schulungen zu entwickeln. Was zunächst paradox klingt, lässt sich mit kognitionswissenschaftlichen Erkenntnissen gut erklären. Dieser Artikel zeigt, warum Expertise zum Lernhindernis werden kann – und was L&D dagegen tun kann.

Wenn Expertise zum Lernhindernis wird
Wenn Expertise zum Lernhindernis wird

Der blinde Fleck von Experten

Expertise verändert, wie wir denken. Was früher volle Konzentration erforderte, läuft später automatisch ab. Genau das macht einen Experten aus – erschwert aber gleichzeitig die Entwicklung verständlicher Schulungen.

Dieses Phänomen wird als Expertenblindheit bezeichnet. Je mehr Fachwissen vorhanden ist, desto leichter werden die Zwischenschritte übersehen. Für Experten ist vieles selbstverständlich, für Lernende häufig genau der Punkt, an dem es schwierig wird.

In der betrieblichen Weiterbildung zeigt sich das ständig: Onboarding-Schulungen setzen Grundlagen voraus, Präsentationen starten mit Fachbegriffen, und LMS-Kurse bündeln mehrere neue Themen in einer Einheit. Das Ergebnis ist oft das gleiche – die Schulung ist abgeschlossen und der Test bestanden, aber im Arbeitsalltag bleibt die Umsetzung unsicher.

Warum sich Expertenblindheit so schwer erkennen lässt

Ein Grund, warum sich Expertenblindheit nur schwer korrigieren lässt, liegt in der Wahrnehmung der Fachexperten selbst. Viele sind überzeugt, dass ihre Erklärungen bereits klar und vollständig sind. Studien zeigen jedoch, dass Experten regelmäßig überschätzen, wie gut Einsteiger ihre Inhalte tatsächlich verstehen. Aus Sicht der Experten ist alles Wichtige gesagt – aus Sicht der Lernenden fehlt oft genau der entscheidende Kontext.

Das hat direkte Folgen für die Gestaltung von Schulungen. Reine Fachreviews reichen in der Regel nicht aus, um Verständlichkeit zuverlässig zu beurteilen. Dieselbe Expertise, die für inhaltlich korrekte Schulungen sorgt, kann dazu führen, dass Verständnislücken unbemerkt bleiben.

Darum ist es wichtig, Schulungen mit echten Einsteigern zu testen. Wenn Lernende Inhalte nicht verstehen, Schritte überspringen oder Anweisungen falsch umsetzen, liegt das meist nicht an mangelnder Motivation. Häufig basiert die Schulung auf Annahmen von Experten statt auf den tatsächlichen Voraussetzungen der Lernenden. Was für Experten selbstverständlich ist, erfordert bei Einsteigern zusätzliche Erklärungen, Beispiele oder Übung. Genau dieses Feedback ist besonders wertvoll, weil es Probleme sichtbar macht, die Fachexperten selbst oft nicht mehr erkennen.

Wie die Expertenblindheit das Schulungstempo verzerrt

Die Expertenblindheit betrifft nicht nur die Vermittlung von Inhalten, sondern auch die Einschätzung von Lerntempo und Lernzeit. Studien zeigen, dass Experten, fortgeschrittene Nutzer und Einsteiger sehr unterschiedlich einschätzen, wie lange Anfänger für eine komplexe Aufgabe benötigen. Experten unterschätzen die benötigte Zeit dabei deutlich, während fortgeschrittene Nutzer häufig die realistischsten Einschätzungen treffen.

Dadurch entstehen in der Praxis Schulungen, die Grundlagen zu schnell behandeln und zu viele neue Inhalte in kurzer Zeit vermitteln. LMS-Kurse wirken dann zwar strukturiert und vollständig, sind für Lernende aber häufig überfordernd.

Teilnehmer folgen der Schulung zunächst scheinbar problemlos, fragen danach aber im Kollegenkreis nach, wie der Prozess eigentlich konkret funktioniert. Studien zeigen außerdem, dass sich diese Fehleinschätzungen deutlich verringern, wenn Experten bewusst versuchen, sich wieder in die Perspektive eines Einsteigers zu versetzen. Dieses gedankliche Zurückversetzen schließt die Lücke zwischen Experteneinschätzung und tatsächlichem Lernbedarf – und ist ein einfacher, aber wirkungsvoller Ansatz für die Zusammenarbeit im L&D-Bereich.

Warum mehr Inhalte den Lernerfolg sogar bremsen können

Eine der häufigsten Folgen der Expertenblindheit sind überladene Schulungen. Die Cognitive Load Theory zeigt, dass unser Arbeitsgedächtnis nur eine begrenzte Menge neuer Informationen gleichzeitig verarbeiten kann. Werden zu viele Inhalte auf einmal vermittelt, leidet das Verständnis – unabhängig davon, wie gut die Schulung aufgebaut oder fachlich korrekt ist. Das Problem liegt also nicht bei den Teilnehmern, sondern in der Gestaltung der Schulung.

Mehr Inhalte führen deshalb nicht automatisch zu mehr Lernerfolg. Wird das Arbeitsgedächtnis mit zu vielen neuen Informationen belastet, verschlechtert sich das Verständnis. Deshalb erreichen beispielsweise Compliance-Schulungen oft hohe Abschlussquoten, ohne dass sich das Verhalten im Arbeitsalltag spürbar verändert. Mitarbeiter absolvieren die Schulung, bestehen den Wissenstest und haben trotzdem Schwierigkeiten, die vermittelten Abläufe sicher anzuwenden.

Ein besonders gut belegter Effekt der Lernforschung sind Worked Examples – vollständig ausgearbeitete Beispiele. Gerade Einsteiger lernen nachhaltiger, wenn sie zunächst nachvollziehen können, wie eine Aufgabe Schritt für Schritt gelöst wird, bevor sie sie selbst bearbeiten. Genau hier machen viele Fachexperten den umgekehrten Fehler. Sie erklären zunächst das gesamte Konzept, ergänzen zahlreiche Hintergrundinformationen und zeigen praktische Beispiele erst zum Schluss – sofern dafür überhaupt noch Zeit bleibt. Für Experten wirkt diese Reihenfolge logisch, für Einsteiger führt sie jedoch häufig zu einer kognitiven Überlastung.

Zusammenfassung

Fachexperten sind unverzichtbar – nicht trotz, sondern wegen ihres Wissens. Entscheidend ist jedoch, dass dieses Wissen nicht eins zu eins in eine Schulung übernommen wird. Genau hier kommt L&D ins Spiel. Während Fachexperten die fachliche Expertise liefern, sorgen Instruktionsdesigner dafür, dass Inhalte verständlich aufgebaut, sinnvoll strukturiert und an den Bedürfnissen der Lernenden ausgerichtet werden.

In der Praxis bedeutet das, Schulungen konsequent aus der Perspektive der Teilnehmer zu entwickeln. Ausgangspunkt ist nicht die Frage, was ein Fachexperte alles weiß, sondern was Teilnehmer am Ende tatsächlich können müssen. Inhalte sollten schrittweise aufgebaut, mit Einsteigern getestet und durch praxisnahe Beispiele ergänzt werden. So entstehen Schulungen, die nicht nur Wissen vermitteln, sondern den Transfer in den Arbeitsalltag nachhaltig unterstützen.


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